Dr. Frauke Viebahn

Systemisches Coaching - Training - Lehre


…die familiäre Lebenswelt der jungen Erwachsenen

Um ein Verständnis für heutige Jugendliche und junge Erwachsene zu erhalten, ist es hilfreich, sich mit dem familiären Wandel auseinanderzusetzen. Als junges Erwachsenenalter wird gegenwärtig die Alterspanne zwischen 18 und 30 Jahren bezeichnet. Sie gilt heute als Zeit des Übergangs. Und allein diese enorme Alterspanne ist aus Sicht der Forschung bemerkenswert, da es auf beeindruckende Weise zeigt, dass es für junge Menschen immer schwieriger wird, sich als „Erwachsen“ zu bezeichnen. Doch wie wachsen die jungen Erwachsenen heute auf?

Vater, Mutter und zwei Kinder - das Idealbild der letzten Dekaden bröckelt bereits seit Jahren. Folgerichtig passte sich die Politik und die Rechtsprechung dieser Entwicklung in Deutschland an. Kinder wachsen heute in sehr unterschiedlichen familiären Konstellationen auf. Aus der langjährigen Familiengerichtserfahrung weiß ich eines: Nicht die Art der Konstellation in entscheidend, sondern deren Umgang untereinander. Kinder sind erstaunlich anpassungsfähig und gerade zu bravourös tolerant. Sie akzeptieren, wenn es zwei Mütter oder zwei Väter gibt, wenn die Eltern kilometerweit entfernt wohnen, ggf. sogar in einem anderen Land. Sie können sich mit der Trennung von Eltern arrangieren, Hauptsache, sie fühlen sich von beiden geliebt.

Auch für Unternehmen ist es sicherlich interessant, wie sich die Familienkonstellation bzw. das Familienleben ihrer Young Professionals auf deren Arbeit auswirken. So hat es sicherlich einen Wandel der Erziehung gegeben. Vom autoritären Patriarchen der vergangenen Zeit sind nur noch Relikte übriggeblieben, oft mit einem anderen kulturellen Background. Heute wird den Eltern ein Helikopterverhalten vorgeworfen, welches die jungen Erwachsenen zu hilflosen Marionetten mache. Solche Tendenzen der Overprotection und Verwöhnung sind in der Erziehungswissenschaft durchaus dokumentiert. Doch auch diese Medaille hat zwei Seiten.

Denn seit den 2000ern gibt es in Studien einen eindeutigen Trend, der bis heute ungebrochen anhält und vielleicht in den Wirren dieser Zeit öfter einmal untergeht: Der absolute Großteil von Jugendlichen beschreibt ein sehr gutes bzw. ein gutes Verhältnis zu seinen Eltern und die Eltern bleiben laut der aktuellen Shell-Jugendstudie die Erziehungsvorbilder Nummer eins. Die Familie ist und bleibt ein wichtiger Anker und Sehnsuchtsort von Heranwachsenden und jungen Erwachsenen. Sie wirkt unterstützend und hilft, wenn es zu Schwierigkeiten kommt. Dies wirkt sich vor allem auf die Persönlichkeitsentwicklung der jungen Menschen aus. Jugendliche, die sich von ihren Eltern anerkannt und geliebt fühlen bzw. eine sichere Bindung zu ihnen haben, finden deutlich leichter ihre eigene Identität und sind nachweislich gesünder. Grossmann & Grossmann, als Expert:innen in Bezug auf die Bindungsforschung, betonen, dass psychische Stabilität mit einer guten Bindung einhergeht.

Zudem gibt es durch die deutlich gestiegene Lebenserwartung eine sehr viel engere und längere Beziehung zwischen Kindern bzw. Jugendlichen und ihren Großeltern. Selbst im jungen Erwachsenenalter werden enge Verbindungen zu Oma und Opa als bereichernd wahrgenommen. Diese springen deutlich häufiger als in den 50iger-70iger Jahren, als Betreuer:innen ihrer Enkelkinder ein und werden so zu ihren Lebzeiten zu wichtigen Vertrauenspersonen.

Dementsprechend lernen die jungen Menschen eine Altersgruppe kennen, die den Generationen davor durch diverse Ereignisse und Lebensumstände oft vorenthalten wurde. Eine Bereicherung und zugleich wieder eine Möglichkeit, sich mit anderen Generationen auseinanderzusetzen, wie es auch im Unternehmen üblich ist.

Selbst wenn junge Erwachsene heute oft erst spät erwachsen werden und später als frühere Generationen lernen, alleine zurechtzukommen, sie haben auf der anderen Seite gesunde Bindungen gelernt, was für das Miteinander von essentieller Bedeutung ist. Natürlich gibt es auch in dieser Generation Ausnahmen, was die Forschung bestätigt. Für die meisten gilt jedoch: „We are family, halten zusammen und helfen uns.“ Davon profitieren auch die Unternehmen.

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  1. „Learning by doing“

    Kita ab drei Jahren als ein Ort der Möglichkeiten Die Bedeutung der ersten Lebensjahre für die weitere Entwicklung steht heute bei Wissenschaftler:innen diverser Fachbereiche u.

Hindernisse und Schwierigkeiten sind Stufen, auf denen wir in die Höhe steigen. (Friedrich Nietzsche)